Am Anfang war… was eigentlich?

Am Anfang war… was eigentlich?

Auf der Suche nach uns selbst, vergessen wir viel zu oft über unsere Kindheit nachzudenken. Und damit meine ich nicht den schwarzen Peter für unsere vermeintlichen Macken zu suchen. Es geht mir auch nicht darum herauszufinden von wem in der Familie man wohl das ein oder andere Talent geerbt haben könnte. (Talent… was ist das überhaupt!?) Es geht mir darum zu überlegen als welche Art Individuum ein jeder von uns auf diese Welt gekommen ist. Wer wir sozusagen von Anfang an waren, weit vor der Zeit, wo wir irgendetwas wirklich „sein oder tun mussten“.

Ich kann an einigen Kindheitserinnerungen erklären, warum ich Designerin geworden bin oder vielleicht besser: Warum dies der perfekte Job für mich ist.

Meine absolute Lieblingszeit war schon immer der Kindergarten. Gemeinsam spielen, singen, basteln, turnen und hinterher nach Hause gehen und dann erst mal wieder meine Ruhe haben. Bis heute ist das meine perfekte Balance – ich brauche beides. Trubel, Menschen und Inspiration genauso wie Ruhe und Kontemplation. „Ambivertiert“ ist der Fachbegriff dafür; sprich ich bin sowohl introvertiert als auch extrovertiert. (Das soll übrigens etwas sein, was zu 100% angeboren ist.)

Ich bin ambivertiert:

Ich brauche Trubel, Menschen und Inspiration genauso wie Ruhe und Kontemplation.

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Das alljährliche Highlight im Kindergarten war für mich der Sankt Martins Umzug. Abends im Dunkeln, wo man ja eigentlich schon längst im Bett liegen sollte, noch singend durch die Straßen zu ziehen – wer macht das nicht gerne!? Dazu noch mit einer Laterne… der wunderbaren selbstgemachten Laterne. Jedes Jahr haben wir diese einige Tage vorher im Kindergarten angefangen zu basteln. Die Vorfreude stieg entsprechend, zumindest bei mir. Es gab auch immer eine neue Herangehensweise, dazu einige fertige Teile und echte Kerzen! Die perfekte Aufgabe für kreative Köpfe: ein Ziel, ein grober Weg, Material und Zeit. Ich habe es geliebt! Meine Mama hatte Schwierigkeiten mich nach Hause mitzunehmen, denn in diesen Stunden habe ich die beste Droge der Welt kennengelernt: Den Flow!     

Eigentlich könnte ich hier aufhören zu schreiben. Denn das ist im Groben mein heutiger Job: Ich gestalte sehr häufig Events und die Materialien dafür. Aber es geht ja nicht nur darum was perfekt gepasst hat, sondern auch um die Dinge, die erst einmal nicht so positiv waren. Angeblich lernen wir Menschen ja vor allem durch die negativen Erfahrungen.

Während der Kindergarten der Knaller für mich war, war die Grundschule kein guter Ort für mich.

Ich war das „last kid on the bench“, ich musste in den Sportförderunterricht, ich habe nicht eine einzige Urkunde bei den Bundesjugendspielen gewonnen und ich wurde gehänselt… bis heute hasse ich Sport – deutschen Schul- und Mannschaftssport im Besonderen und ich habe Panik vor Bällen. Das wird sich wohl nicht mehr ändern. Aber zum Glück wird ja auch im fernen Osten Körperkultur betrieben, so dass ich in meiner Jugend ein „Karate Kid“ war (und nicht mal das Schlechteste) und heute versuche zum Yoga zu gehen. Damals war es Selbstverteidigung, heute ist es Wellness. Man muss halt lernen die Dinge passend zu verkaufen, auch sich selbst gegenüber.

 

Was ich tatsächlich relevantes in der Schule gelernt habe, sind 5 Dinge über mich:

1.

Wer erinnert sich nicht an die ersten Schreibübungen? Linie für Linie mit Schlaufen zu füllen, ein und dieselbe Handbewegung… gähn! Damals haben mir die Hände gezittert, ich hatte Panikanfälle, Heulkrämpfe und wahnsinnige Angst vor der Lehrerin. Weil? Weil die gute Dame die eine Schlaufe herausgesucht hat, die nicht perfekt so aussah, wie die Vorgabe. Ich könnte sie noch heute dafür… Meine Therapeutin meinte mal, ich hätte Pech gehabt: Die 80er Jahre gelten als die Zeit der schwarzen Pädagogik. Damals glaubte man, dass ungebremstes Lob zu Demotivation führen würde... Was haben die sich nur dabei gedacht!?

Fakt ist; ich kann das nicht: Ein und dasselbe immer wieder genauso zu tun wie zuvor.

Was ich gekonnt hätte, wäre 100 Varianten der Schlaufe zu zeichnen – easy peasy – und auch am Ende die eine Schlaufe zu identifizieren, die der Vorgabe am ähnlichsten ist und diejenige, die völlig anders ist; welche am interessantesten aussieht; welche eher schüchtern wirkt und welche schwungvoll daher kommt; an welcher es sich lohnt weiter zu arbeiten und welche man einfach mal zu den Akten legen sollte.

„Hallo! Willkommen im Grafikdesignbüro ;-).“

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2.

Schauen wir mal auf die sogenannten kreativen Fächer: Mein liebstes Fach davon war Werken. In der Grundschule gab es vor allem zwei tolle Projekte. Zum einen haben wir einen Hubschrauber aus Holz gebaut. So richtig mit sägen und raspeln und drehbarem Propeller. Fett! Zum anderen wurde getöpfert; was ich so toll fand, dass ich es einige Jahre als Hobby weiter betrieben habe. Ich habe bis heute ein Faible für Materialien und das ist in meinem Job nicht ganz unwichtig.   

Handarbeiten und Kunst waren meistens so lala. Da kam es wirklich sehr auf die Lehrerinnen und die Aufgaben an. In der Grundschule hatten wir eine spießige alte Jungfer, die mit meinen etwas abstrakteren Mustern beim Sticken nichts anfangen konnte… tja. Dafür gab es auf der anschließenden Schule die Aufgabe T-Shirts zu bemalen – YEAH!!!

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Kunst wurde erst in der Oberstufe spannend, denn da gab es ein Halbjahr mit dem unglaublich tollen Thema „Architektur und Design“. Der helle Wahnsinn! Wir mussten u.a. eine Wohnung entwerfen und ein Modell bauen – und darin war ich Profi. Aus irgendeinem absurden Grund habe ich sehr jung angefangen Häuser nicht mehr wie vom Nikolaus zu malen, sondern maßstabsgetreu mit dem Geodreieck zu zeichnen. Ganz ehrlich – ich finde das bis heute absurd. Aber auch hier kann ich sagen: Räumliches Denken und Gestalten gehören zu meinem Job. Es sind außerdem Eigenschaften, die mich von Anderen, die im Bereich Grafikdesign arbeiten, wirklich unterscheiden.


3.

Dazu passend kann ich sagen, dass ich Mathematik so lange interessant fand, wie es um das Berechnen realer Dinge ging. Geld, Räume oder Kühe, alles gut und schön. Buchstaben!? Was soll das denn!???!?!!!? Da hört die Kreativität bei mir vollständig auf.

Ein „x“ ist für mich eben ein Buchstabe und kein Platzhalter für irgendetwas. Ein schöner Buchstabe, der viel zu selten vorkommt… (Für alle die glauben, dass man als Designer kein bisschen Mathematik beherrschen muss, denen sei gesagt: Spätestens dann wenn ihr euch selbstständig macht, kommt das kleine 1 x 1 und die Prozentrechnung doch ganz gelegen.)

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4.

Wer hat es gemerkt? Wir haben die Grundschule verlassen. Mit den Buchstaben ging es erst in der 5. Klasse oder so los.

Noch viel später kamen die Aufgaben, die einen tatsächlich mal auf das Arbeitsleben dezent vorbereiten: Hausarbeiten im Sinne von Aufsätzen schreiben; Vorträge (auch im Team) vorbereiten und schließlich halten. Ich fand alles davon toll, mit einigen Einschränkungen und die gelten bis heute.

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Hausarbeiten oder Aufsätze zu schreiben, hat vor allem dann Spaß gemacht, wenn ich das Thema selber aussuchen konnte. Selbstredend aus einem Themengebiet, aber immerhin.

Im Team zu arbeiten ist super, hängt aber viel von den Leuten ab. Ich könnte jetzt alle Prototypen aufzählen, die Teamarbeit boykottieren und viel Spaß dabei haben. Aber ich denke, ich lasse das besser. Wir kennen die schließlich alle.

Vorträge halte ich bis heute richtig gerne (und das gilt auch für Präsentationen beim Kunden). Vor allem dann, wenn das Publikum interessiert, konzentriert und wach ist. Wenn nicht, dann eher nicht. 


5.

Und der letzte Punkt, den mich die liebe Schulzeit gelehrt hat: Ich kann überhaupt nicht gut auswendig lernen. Ich finde das sinnlos. Intelligenz bedeutet für mich zu wissen wo es steht – frei nach Albert Einstein, der es etwas schöner formuliert hat. Was ich hingegen besonders gut kann, ist komplexe Sachverhalte schnell zu erfassen und sie auf das Wesentliche zu reduzieren; ebenso wie unterschiedlichste Dinge zusammen zu bringen und daraus etwas Neues zu erschaffen. Alle diese Erkenntnisse gab es leider erst in der Oberstufe im Erdkunde LK. Aber besser spät als nie.

Wissen heißt wissen, wo es geschrieben steht.
— Albert Einstein

Darüber hinaus würde ich noch einen Aspekt aus meiner Kindheit herauskramen – und dann ist auch mal gut: Ich habe am liebsten Geschenke gestaltet. Darüber nachzudenken womit ich meiner Mama eine Freude machen kann, welche Farben sie am liebsten mag usw. war toll und viel einfacher als für mich selbst etwas zu tun. Wir alle wissen: Man selbst ist sein schlimmster Kunde. Am Ende war und bin ich einfach gerne Dienstleisterin.


Und wie sieht es bei euch aus? Welche Eigenschaften aus eurer Kindheit findet ihr heute noch in euch? Was hat euch zudem geführt wo ihr heute seid?

Schreibt mir! Ich bin neugierig und freu mich auf eure Kommentare.

Eigentlich Architektur oder doch lieber Design

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